Stille – der Klang des Grenzenlosen
von Baruch Rabinowitz auf http://www.sein.de

Die Stille lebt im Staunen, in der Größe und Grenzenlosigkeit,
die alles in uns zum Staunen und zum Schweigen bringt.
Stille ist selten


Stille ist selten, unbeständig, launisch – so wie
der Mensch, der nach ihr so leidenschaftlich sucht.


Oft suchen wir die Stille und können sie nicht finden, sie entweicht uns, wie das Wasser zwischen den Fingern. Manchmal besucht sie uns ganz von sich alleine, wie ein nicht eingeladener Gast – und wir können ihre Anwesenheit nicht ertragen. Wir verjagen sie mit allen uns verfügbaren Mitteln.

Denn die Stille kommt sehr oft in der Begleitung der scheinbaren Einsamkeit, sie wirft uns auf uns selbst zurück, sodass wir gezwungen sind, uns selbst zu begegnen und uns selbst zu ertragen.

Irgendetwas tief im Menschen verlangt nach der Stille.
Aber sie ist und bleibt wie ein Naturphänomen, das man
bewundert und gleichzeitig fürchtet. Sie ist schwer zu
finden und manchmal noch schwerer zu ertragen.

Der Mensch, der nach der Stille sucht, muss in der Regel
einen langen und anstrengenden Weg gehen – schließlich
ist der Weg in seine eigene Mitte oft der längste aller
Lebenswege.



Der Ort, der die Stille zu seiner Wohnstatt gewählt hat, befindet sich jenseits des Lärms, der unsere Köpfe, Herzen, Seelen und die Welt, in der wir leben, füllt. Genau so wenig verträgt sich die Stille mit der Schnelligkeit des Lebens, mit der Flut der Informationen und der Last der Ambitionen, die der moderne Mensch (oder vielleicht der Mensch in allen Zeitaltern) täglich trägt.

Stille braucht Platz

Stille ist eine Minimalistin – sie braucht Platz, viel Platz.

Drinnen und Draußen.

Wir bewundern die Stille und die Menschen, die mit ihr Freundschaft geschlossen haben – die Mönche, die Erleuchteten, die großen Meister der Spiritualität. Immer wieder lesen wir über solche Menschen, die alle Komfortzonen der Welt verlassen haben, um nach der Stille zu suchen, um sie zu ihrer treuen Gefährtin und Begleiterin zu machen.

Aber auch auf sie wartet die Stille nicht mit den offenen Armen und einem gedeckten Tisch. Oft Jahre oder Jahrzehnte verbrachten Menschen in der Meditation und im Gebet um diesen so ersehnten Zustand der inneren Stille zu erreichen und sie nicht zu verlieren, sie nicht zu verängstigen, sie so lange wie möglich zu behalten. Denn wer die Stille des Herzens erfahren hat, wird nach ihr süchtig. Die Stille ist wie ein seltener Vogel, der vom kleinsten Geräusch, das die Harmonie des Gartens stört, sofort wegfliegt.

Aber die meisten von uns können diesen Weg nicht gehen- hat dann der moderne Mensch überhaupt die Chance, Stille zu finden, an den Ort der Stille zu gelangen? Die Antwort ist: Ja. Wenn er das Geheimnis der Stille erkundet.


Das Geheimnis der Stille

Das Geheimnis der Stille und ihres Ortes ist die Größe.
Die Stille lebt im Staunen, in der Größe, die alles in uns
zum Staunen und zum Schweigen bringt.

Der ultimative Sitz der Stille liegt im Kern des menschlichen
Seins – in seinem innersten Zentrum und gleichzeitig im
grenzenlosesten Raum des Universums.

Stille ist insofern ein Synonym für wahre Größe,
Transzendenz und Grenzenlosigkeit.

Vielleicht deswegen wird die Stille immer vom
Staunen und von der Sprachlosigkeit begleitet.

Wir erleben diese Stille, dieses Gefühl, wenn wir
Nachts den grenzenlosen Sternenhimmel anschauen,
wenn wir am Ufer des Ozeans stehen oder die
Majestät der Berge bewundern – alles, was uns den
Atem raubt, alles was uns vom „klein-klein” befreit
und den Weg in das Grenzenlose zeigt, führt uns
schließlich in die Stille, in der die Frucht des Friedens
gedeiht.



Vielleicht liegt es daran, dass religiöse Offenbarungen oft in der Wüste
stattgefunden haben – denn die Wüste ist der Gegensatz der Enge.

Die Wüste ist wahrlich frei, sie gehört niemandem, sie ist grenzenlos,
sie erweckt Ehrfurcht und Staunen – in der Wüste wird man still, und
wenn der Mensch still wird, kann er seine eigene innere Stimme genauso wahrnehmen und hören wie die Stimme Gottes.

Der Mensch erlebt die Stille jedes Mal wenn er sich
für das Große, Transzendente und Ewige öffnet.


Stille und Gebet

Je größer die Größe ist, je grenzenloser das Grenzenlose ist, je freier
die Freiheit ist, desto größer ist die Stille, die wir erleben, desto tiefer
ist der Frieden, den sie mit sich bringt und uns schenkt. Vielleicht eben
deswegen gehört das Gebet zu den besten Orten der Stille.



Nicht ein Gebet, in dem wir um etwas bitten, sondern ein kontemplatives
Gebet, in dem wir das Göttliche schauen und von seiner Majestät, seiner
Größe und seiner Schönheit überwältigt und erstaunt werden.

Wenn wir sprachlos davon werden, was unser Geist erblicken kann,
sodass alles in uns mit Stille und Frieden erfüllt wird. In der ultimativen
Größe Gottes begegnen wir uns selbst und unserer eigenen Größe
und Ewigkeit.

Unruhe entsteht immer in der Enge:
Wenn wir klein werden oder uns klein machen lassen
und uns mit kleinen Dingen beschäftigen, statt unseren
Blick auf das Grenzenlose und Endlose in uns zu richten.


In Gott und in seiner Schöpfung finden wir die Stille.

Um sie zu unserer treuen Begleiterin zu machen,
brauchen wir uns bloß in der Kunst des Stauens zu
üben, uns überwältigen und begeistern zu lassen,
unseren Blick statt auf die Peripherie des Lebens
auf sein Zentrum zu richten und das Leben aus der
Perspektive der Ewigkeit zu betrachten.